Zum Hauptinhalt springen

 

 

Willkommen zurück   |   Anmeldung zum Newsletter   |   

 

Eine Wunde, die bleibt – 
Von Scham, Erinnerung und Leben

In Tagen des Todes und der Katastrophe setzt der Verstand aus.

Nicht, weil er nichts zu sagen hätte, sondern weil die Wirklichkeit die Kraft unserer Worte übersteigt. Man will schreiben, doch das Geschriebene bleibt unvollendet – als wären Sprache und Feder dem Geschehenen nicht gewachsen und würden zurückweichen.

Der Verstand steht noch immer unter dem Schock dessen, was er gesehen hat; ein Schock, der die Zeit verlangsamt und den Sinn in der Schwebe hält. In diesem Zustand des Innehaltens entsteht ein Gefühl, dessen Benennung nicht schwerfällt: Scham.

Die Scham, am Leben zu sein. Weiterzumachen. Zu atmen an einem Ort, an dem Tausenden von Menschen das Leben genommen wurde. Diese Scham entspringt weder Schuld noch einer bewussten Entscheidung, sondern der nackten Ungleichheit zwischen Sein und Nichtsein: dass wir leben und andere nicht – ohne irgendeinen rationalen Grund.

Viele kennen dieses Gefühl. Vielleicht, weil der Mensch kein bloß rationales Wesen ist, sondern zuerst ein mitfühlendes. Das Leid der Anderen, selbst wenn es fern scheint, findet in uns ein Echo und raubt uns die Ruhe des Weiterlebens. Hier begreifen wir, dass manche Wunden nicht heilen – weder durch Zeit noch durch Gewöhnung. Wir lernen lediglich, mit ihnen zu leben, sie zu einem Teil unseres Gedächtnisses und unserer Identität zu machen.

Der Monat Januar 2026 ist eine solche Wunde. Diese Katastrophe soll uns an etwas erinnern: 
Dass keine Idee, kein Denksystem, keine Ideologie Vorrang vor dem menschlichen Leben haben darf. Jeder Gedanke, der für sein eigenes Fortbestehen und seine Ausbreitung den Tod rechtfertigt, hat zuallererst den Sinn des Menschseins negiert.

Die Philosophie vermag das Leid vielleicht nicht zu lindern, doch sie kann Linien sichtbar machen:

Die Grenze zwischen Denken und Gewalt, zwischen Glauben und Auslöschung, zwischen Sinn und Vernichtung. An dieser Grenze muss ein Prinzip Bestand haben:

Dass der Wert des menschlichen Lebens höher steht als jede Ideologie. Bricht dieses Prinzip, werden nicht nur Menschen geopfert, sondern auch der Sinn des Lebens selbst.

Diejenigen, die heute nicht mehr bei uns sind, waren keine Märtyrer. Sie gingen auf die Straße, um den wahren Sinn des Lebens zu suchen. Gerechtigkeit ist der einzige Trost für die Leere, die diese aufrechten Menschen hinterlassen haben.
Ihr Andenken ist unvergänglich.

Arash Sadeghi